Unsere Erfahrungen mit der Elektromobilität


In diesem Beitrag möchte ich unsere eigenen Erfahrungen mit der Elektromobilität schildern. Es gibt aktuell sehr viel Unwissen und Fehlinformationen über Elektromobilität. Sehr oft ist sind Berichte verfasst von Leuten, die noch nie in einem Elektroauto gefahren sind, oder sich nicht eingehend damit beschäftigt haben. Mit relativ guten Vorraussetzungen, Einfamilienhaus mit Photovoltaik und Garage mit Stromanschluss, fahren wir seit knapp 2 Jahren ein Elektroauto. Unsere Erfahrungen sind nicht repräsentativ, Mieter und Laternenparker singen hier sicher ein anderes Lie(eid)d.

Seit über 3 Jahren beschäftige ich mit Elektromobilität, seit knapp 2 Jahren fährt in unserem Haushalt ein Elektroauto.

Auslöser war eigentlich eine 2016 installierte Photovoltaikanlage mit 5.88 kWp Leistung (incl. 6,4kW Batteriespeicher), die im Sommer mehr Energie erzeugt als wir in unserem Einfamilienhaus verbrauchen können. Zuerst fuhren wir (genauer gesagt meine Frau) für ein Jahr den BMWi3 94Ah und danach einen BMWi3s mit 120 Ah und 184 PS.

Warum fiel die Wahl auf den BMWi3?

Unsere Rahmenbedingungen waren die Fahrstrecken meiner Frau zum Arbeitsplatz

  • 3-Tage Woche Montag – Mittwoch
  • 3x Hin- und Rückweg zur Arbeitsstelle 60km, also 180 km am Stück
  • Bestenfalls 180 km ohne Nachladen über Nacht
  • Autobahntauglich

Der BMWi3 war eigentlich so gar nicht unser Favorit, alleine auf Grund der Optik, allerdings passten die technischen Daten besser als andere verfügbare Fahrzeuge.

  • 200 km Reichweite
  • 11kW Ladung an Typ 2 Stecker
  • kompakter Stadtwagen für enge Parkräume
  • Fahrleistungen
  • Lieferzeit 3 Monate
  • Ausstattung und Komfort

Den Ausschlag gab dann aber ein Angebot von Sixt und Yello, die ca. 300 BMWi3 für einen unschlagbaren Leasingpreis angeboten hatten. Wir hatten Glück und konnten uns eines dieser Elektroautos sichern und damit ein Jahr lang Erfahrungen sammeln.

Nach diesem Jahr war für uns klar, dass kein Verbrenner mehr in Frage kommt und wir haben uns wieder für einen BMWi3s entschieden. Die Alternative war ein Hyundai Kona. Der größte Nachteil war zu diesem Zeitpunkt die lange Lieferzeit und dass onboard laden am Typ 2 Stecker nur mit 7,2 kW möglich war. Ausserdem hat sich der Händler auf unsere Frage nach einer Probefahrt nie wieder gemeldet…
So ähnlich wie bei VW, wo anfangs eine Probefahrt mit einem E-Golf nur gegen Zahlung von 130€ möglich gewesen wäre.

Reichweite des Elektroautos im Alltag

Die Alltagsreichweite lag beim BMWi3 mit 94 Ah bei knapp 200km. Mit dem BMWi3s mit 120Ah Batterie kommen wir nun auf ca. 280-300 km im üblichen täglichen Verkehr im Großraum Stuttgart (Autobahn und Stadtverkehr ca 50:50).

Auf der Autobahn auf Langstrecke kommen wir bei einer Geschwindigkeit von teilweise über 130 km/h auf ca. 210 km Reichweite. Die Strecke Stuttgart – München ist also ohne Ladestopp machbar, da man ja in der Regel mit einer 100% geladenen Batterie losfährt.

Langstrecken mit dem Elektroauto

Eine längere Fahrt mit einem Ladestopp ist machbar, allerdings tendiert man (zumindest am Anfang) sicherheitshalber zum rechtzeitigen nachladen. Damit verliert man dann Reichweite in Höhe der verbliebenen Batterieladung. Es ist ja (noch) nicht immer eine funktionierende Ladesäule alle 5 km vorhanden. Aus sportlichen Gründen ist man ja auch geneigt, kostenlose Ladesäulen zu bevorzugen…

Damit kann man also mit einer Nettoreichweite von 150-170 km rechnen. Dann wird am Schnelllader auf 80% geladen, was auf der Autobahn einer Reichweite von ca. 150 km entspricht.
Zusammen sind das dann mit dem BMWi3s 300-320 km, die man mit einem Ladestopp während einer Kaffee- oder Pinkelpause erreichen kann.

Bei einer längeren Fahrt als der spezifischen Reichweite und 2 oder mehr Ladestopps wird es dann unserer Erfahrung nach zäh. Die kostenlosen Lademöglichkeiten bei Burgerketten schlagen sich dann irgendwann auch auf die Figur nieder.

Kostenlos laden beim Burgerrestaurant

 

Laden über die Photovoltaikanlage

Im täglichen Gebrauch reicht uns eine Akkuladung des Elektroautos für eine Woche, wir müssten also theoretisch nur 1x pro Woche laden.

Wir besitzen keine Wallbox um unser Elektroauto zu laden. Das Auto steht in einer Garage mit einer normalen Steckdose. Diese ist extra abgesichert damit eine Dauerbetrieb mit 2,3 kW möglich ist. Damit laden wir mit dem mitgelieferten Ladekabel. Eine komplette Ladung dauert bis zu 10 Stunden. Also selbst wenn die Batterie komplett leer ist, wäre sie über Nacht wieder voll.

In der Regel versuchen wir jedoch immer den Überschuß der Photovoltaik tagsüber zum Laden zu nutzen. Da wir selbst im Sommer kaum mehr als 3kW Überschuss haben, lohnt es sich nicht mit einer Leistung von 3,6 oder 7 kW zu laden. Die Lademöglichkeit mit 2,3 kW ist für uns völlig ausreichend.

Meine Frau arbeitet an 3 Tagen pro Woche. In der Nähe des Arbeitsplatzes gibt es Ladesäulen. Im Notfall könnte man dort laden. Dieser Notfall ist in knapp 2 Jahren nie eingetreten.

Wenn das Auto an den übrigen 4 Tagen tagsüber zu Hause steht, reicht das völlig. Meist ist die Batterie dann an 2 Tagen wieder aufgeladen. Wenn abends aber doch noch Strom übrig ist, kommt der Stecker natürlich ins Auto. Im Vergleich zu unserm Benzin-Vorgängerauto ist so eine kWh die im Auto landet ca, 70 ct wert (auf den Benzinverbrauch umgerechnet), im Gegensatz zu den 11 ct Einspeisevergütung. Der Eigenverbrauch der Photovoltaikanlage und damit die Profitabilität erhöhte sich damit bei uns auf momentan über 65%. Ca. 60% des Stroms für das Elektroauto kommen von der Photovoltaik (der Rest aus Ökostrom aus dem Netz).

Steht ein Einkauf in der Stadt oder ein Ausflug an, ist es ratsam die Batterie nicht voll geladen zu haben. Oft gibt es (noch) Premium Parkplätze direkt in der Stadt oder am Einkaufzentrum, wo man oft auch kostenlos laden kann. Auch als Abholer am Flughafen Stuttgart hat man einen kostenlosen Parkplatz inclusive Schnelladung. Mit voller Batterie würde es Parkgebühren kosten.

Eine gute Ladeplanung zahlt sich aus, Im Alltag ist es eher nicht Reichweitenangst, sondern die Kunst mit knapper Batterieladung unterwegs zu sein, um günstig zu parken.

Übrigens braucht unser Ladekabel mit 2,3 kW nicht mehr Leistung als ein Wasserkocher, Fön oder Herd. Ein Zusammenbruch der Stromversorgung ist also nicht zu befürchten.

Kostenlos Laden bei Decathlon

 

Fazit

Nie wieder Verbrenner! Und das sage ich mir jedes Mal, wenn ich mich nach einer längeren Fahrt mit dem Auto meiner Frau wieder in meinen Diesel setze. Der Lärm, das lahme Beschleunigen (BMW mit gleicher Leistung), kein Standklima und man muss BREMSEN ohne dass man Energie zurückgewinnt.

Ein PHEV, also ein Plug-In Hybrid die in der Regel heute eine elektrische Reichweite von 40-60 km haben sind für mich keine Alternative.
Vielen PHEV fehlt z.B. das Thermomanagement der Batterie. Somit fällt die Reichweite teilweise auf unter 20 km und der Verbrennungsmotor springt bei tiefen Temperaturen grundsätzlich an. Ein PHEV ist für mich kein Kompromiss, sondern eine Kombination von Nachteilen beider Antriebsarten. Zudem verstellen PHEV die verfügbaren Ladesäulen in der Stadt. Erstens sichern sie sich verständlicherweise günstige Parkplätze, Zweitens müssen sie auf Grund der kleinen Batterie jede Lademöglichkeit nutzen, um die mickrige Reichweite des Elektroantriebs zu nutzen.

Im Alltagsbetrieb nutzen wir sehr selten öffentliche Ladesäulen. Der Strompreis zu Hause ist günstig, selbst wenn mal kein Solarstrom zur Verfügung steht.

Ein Elektroauto mit realer Reichweite von 400-500 km ist für mich völlig ausreichend. Selbst als Vielfahrer lege ich nie weitere Strecken ohne Pause zurück.

Ach ja, und noch ein Vorurteil:

Was macht man wenn im Stau die Batterie leer ist?

Im Stau geht beim Elektroauto keine Batterie leer, das ist völliger Quatsch. Im Vergleich zur Energie die fürs Fahren bei einer Motorleistung von mehr als 100 kW verbraucht wird, sind Verbraucher die im Stand laufen wie Radio und Lüftung Peanuts… Sogar Heizung oder Klima per Wärmepumpe reichen für mehrere Tage.
Auch bei Stop & Go, solange der Stau nicht länger ist als die restliche Reichweite ist das kein Problem. Bei einem Stau >100km wird es dann sicher knapp. Aber selbst bei einer Restreichweite von 20km kann der Stau recht lang sein. Ich denke so knapp fährt keiner mit dem Elektroauto auf der Autobahn. Falls doch, kommt auf dieser langen Staustrecke sicher auch eine Ladesäule.

Mini-Tesla beim Elektroauto Treffen in Horb am Neckar

 


About Manfred Münzl

Digital Immigrant & Amateur-Blogger Working in automation and interested in Digital Transformation, Industry 4.0 Hobby-Photographer, Landscape, Nature, Travel.

Leave a comment

Your email address will not be published.